Ein verhängnisvoller Handgriff

Wien, 5. Bezirk, Juli 1960

Es gab schlechte Tage, wo der Zornesteufel in mir rumorte, aber es gab auch gute Tage, an denen mir alles leid tat, was ich meiner „Mutter“ antat. So hin- und hergerissen näherte sich das Ende der Hauptschulzeit. Begonnen hatte ich als gute bis durchschnittliche Schülerin, ich hatte nie Probleme mit dem Lehrstoff oder mit den verschiedenen Lehrern. Wie ich allerdings die letzten beiden Pflichtschuljahre geschafft habe, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Die Tiefs, die ich wie in einer anderen Welt durchwanderte, ohne mich je irgendjemanden anzuvertrauen zu können, prägten mich für mein weiteres Leben. Trotzdem kam ich durch. Die letzten Schultage waren da und wie immer saß ich in der Küche und schrieb meine Hausaufgaben am Küchentisch. Mein Wellensittich, ein treuer Begleiter in tiefschwarzen Stunden, lief zwischen den Heften hin und her, nahm einen Bleistift in seine Krallen und schleppte ihn auf einem Bein hüpfend von einer Tischecke zur anderen. Meine „Mutter“ war wieder in der Bedienung bei der Offizierswitwe und so hatte ich zwei oder drei Stunden Zeit für die wahrscheinlich letzten Hausaufgaben meiner Schulzeit. Als ich fertig war, lehnte ich mich zufrieden zurück, glücklich, alles so schnell geschafft zu haben.

Dann tat ich es. Ein Handgriff sollte mein Leben komplett verändern. Ich sah die Tischschublade, die sonst immer verschlossen war, einen Spalt offen. Das war noch nie der Fall gewesen, soweit ich mich erinnerte, war sie immer abgesperrt. Neugierig öffnete ich die Lade. Darin lagen eine Liste für die Waschküchenbenützung, viele Schlüsseln für das Haus, eine Menge Bleistifte und einige kleine Münzen  verstreut. Eine braune Mappe aus Karton war mit Kugelschreiber dunkelblau beschriftet worden, darauf stand „DOKUMENTE“. Sie war fest verschnürt. War das nun das Geheimnis, welches ich jahrelang vergeblich gesucht hatte? Mit zittrigen Fingern begann ich die zwei Knoten zu lösen. Eine Menge Dokumente waren hier geordnet aufbewahrt. Geburtsurkunden, Heiratsurkunden von meiner „Mutter“.  Eine Heiratsurkunde von ihrem zweiten Mann, mit dem sie eine Adoption plante, da sie mit 17 Jahren einen Sohn bekam und nachher keine Kinder mehr bekommen konnte. Ihr zweiter Mann betrog sie und schwängerte eine andere Frau, worauf sie sich zum zweiten Mal scheiden ließ. Einiges war mir schon bekannt, anderes habe ich im Laufe der Zeit bei Gesprächen von Erwachsenen untereinander aufgeschnappt und mir das Wesentliche zusammengereimt. Aber in diesem Augenblick hielt ich mit staunenden Augen den Ablauf des traurigen Lebens meiner „Mutter“ in Händen. Da sie nie über ihre Vergangenheit sprach und jeder Frage über sich und auch über mich auswich, war ich sehr  neugierig, ob sich das von mir zusammengezimmerte oder gereimte Bild und das Wenige, was ich bisher über mich wusste, mit dem, was ich in der Lade fand, decken würde. Ob ich das Ganze wie ein Puzzlespiel zusammenstellen konnte? Ich suchte weiter, doch ich fand kein einziges Dokument, welches sich auf mich bezog oder irgendeine Aufklärung gebracht hätte, bis ich einen gelben Schmierzettel in den Händen hielt. Er war schon ziemlich abgegriffen, wo wörtlich darauf stand:

Ich bescheinige hiermit, daß ich
mein Kind (Ingeborg geboren am 16.6.1946)
seit dem 5. Tag Ihrer Geburt, der Frau Leopoldine
Herway geb. Tyrolt für ganz geschenkt habe,
und auf meine Mutterrechte verzichtet habe.

Georgine Markert geb. Topf
Anni Forrester

 

Zuerst begriff ich überhaupt nicht, was ich hier las. Ich las es öfters und als ich es endlich verstand, fing ich laut zu schreien an. Ich konnte mich nicht beruhigen. Es kamen keine Tränen, nur blanker Hass, Wut und Zorn stiegen in mir hoch. Meine leibliche Mutter hatte mich weggegeben, verschenkt wie einen Gegenstand. Wie kann man ein Kind, ein Neugeborenes, verschenken? Das übertraf alles, was ich bisher erlebt hatte. Es stach mit tausenden Messern in mein Herz, ohne Tränen, es tat nur weh.