Wien, Vormundschaftsgericht, März 1964

Es hieß noch einige bürokratische Hürden vor der Eheschließung zu überwinden: Wir erfuhren beim Jugendamt,  dass die nächste größere Schwierigkeit darin bestand, dass ich nicht adoptiert war, sondern als Pflegekind die Bewilligung meiner leiblichen Mutter für die Heirat brauchte. Dieser Canossagang blieb mir zum Glück erspart, da  ich bei der Jugendfürsorge erfuhr, dass meine leibliche Mutter schon 1962 verstorben war und ich dadurch einen amtlichen Vormund hatte – mir fiel ein großer Stein vom Herzen. Zu diesem Zeitpunkt hasste ich meine leibliche Mutter, die mich gleich nach der Geburt verschenkt hatte, so sehr, dass ich sie  weder sehen, noch sprechen hätte wollen. Zeitgleich wurde ich auch aufgeklärt, dass mir für die Jahre zwischen 1962 -1964 eine Waisenrente zustand, die ich nach der Hochzeit erhalten sollte. Als Gerhard dann seine Dokumente, sein Leumundszeugnis und diverse Gehaltsbestätigungen beisammen hatte, reichten wir alles zusammen am Jugendamt ein, um unsere Hochzeitsgenehmigung zu erhalten.

Es dauerte ein paar Wochen, bis die Vorladung ins Vormundschaftsgericht zu meinen amtlichen Vormund erfolgte. Wir waren beide sehr aufgeregt, sogar mein sonst gelassener Gerhard, als wir in das eher kahle Amtszimmer traten. Mein Vormund war ein nett aussehender Herr mit grauen Schläfen, der gleich über mein zukünftiges Leben entscheiden würde, obwohl er mich gar nicht kannte. Nach langem Verlesen von vielen Daten, ich hatte schon heftige Magenschmerzen vor lauter Aufregung, verkündete er den Beschluss des Vormundschaftsgerichtes: „Ihre Eheschließung ist genehmigt.“ Vor lauter Freude und Anspannung weinte ich, nahm Gerhard in meine Arme und  küsste ihn.  Mein Vormund lächelte und erwähnte beiläufig: "Liebe Ingeborg, Sie sind die erste von vier Geschwistern, die heiratet". Ich war so in meinem Glücksgefühl gefangen, dass  ich den Sinn der Worte gar nicht verstand, doch Gerhard reagierte sofort: „Welche Geschwister?“ Der Beamte wurde etwas verlegen, er hätte diese Aussage nicht tätigen dürfen und wir hörten zum ersten Mal das grausame Wort "Datenschutz". Gerhard hakte sofort nach und stellte einige Fragen, doch die Festung Datenschutz war nicht zu erstürmen.